Zwei verrückte Geschichten

Flug um die Welt:
Catch me…

… IF YOU CAN! Der längste Linienflug der Welt ist die Nonstop-Verbindung zwischen Singapur und New York. Den Selbstversuch verlängerte ich  zu einem Flug um die Welt. Der Jetlag blieb aus. Wir waren wohl schlicht zu schnell …

 Kurz nach 13 Uhr hebt der Airbus ab. Mein Flug um die Welt, eine Art „Zeitreise“, beginnt. Die Route führt über die Türkei, Irak, Iran, Indien und Sumatra. Ich mache es mir bequem und checke das Unterhaltungsprogramm. Sehr umfangreich, mit vielen aktuellen Filmen wie "Vice" oder "Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit".
 

SQ 327. München–Singapur

 
10.643 Kilometer. 11:37 Stunden Kurz nach dem Start gibt es ein Glas Champagner sowie Beef and Chicken Satay, danach die vorab über die Option „book a cook“ bestellten Lemon Pepper Prawns. Dazu gönne ich mir einen 2013er Château Rahoul. Anschließend ist es Zeit für Zeitungslektüre, einen Whisky, einen Film auf dem riesigen Bildschirm – und jede Menge Wasser. Die Faustregel auf Langstrecken: ein halber Liter Wasser pro Flugstunde.

Nach knapp sieben Stunden Flug kommt die Müdigkeit, obwohl es erst 20 Uhr deutscher Zeit ist. Mit zwei Handgriffen wird der Business-Sitz zum Bett, 72 Zentimeter breit und zwei Meter lang.  Ich wache erst wieder auf, als zum Frühstück Dim Sum und ein dramatischer Sonnen­aufgangshimmel über der Andamanensee warten. Kurz nach sieben morgens landen wir am Changi Airport.
 

Pitstop im Pool 

1.050 Meter. 30 Minuten Nach der zügigen und freundlichen Immigration-Prozedur raus ins Freie und rüber zum Hotel "Crowne Plaza Changi", in dem ich einen Day Use Room für sechs Stunden reserviert habe. Höchste Zeit für etwas Bewegung und frische Luft. Nach dem Check-in geht es in den 30 Meter langen Outdoor-Pool.

Begleitet vom Sound startender Flugzeuge ziehe ich  35 Bahnen. Danach um 10 Uhr Ortszeit (also 4 Uhr morgens deutscher Zeit) unter die Dusche und ab ins Bett, ein wenig auf Vorrat schlafen. Sechs Stunden später läutet der Wecker. Zeit für eine Tour durch den Jewel Changi.

Der 40 Meter hohe Wasserfall ist spektakulär. Die Besuchermassen sind es auch – kein Wunder, hat das Jewel doch erst am Vortag eröffnet. Dann ist es Zeit, zum Gate zu marschieren – SQ22, der längste Linienflug der Welt startet bald.

 
SQ 22 | Längster Linienflug der Welt Singapur-NYC 

16.551 Kilometer. 17:41 Stunden Fünf Minuten vor Mitternacht hebt der Airbus A350-900 ULR mit 165.000 Litern Kerosin in den Tanks ab. Der längste Linienflug der Welt trägt die Flugnummer SQ22. Geplante 18 Stunden Flugzeit liegen vor den Passagieren auf 67 Business-Class- und 94 Premium-Economy-Sitzen der neuen Generation mit mehr Privacy und Beinabstand.

Uns erwartet, weil wir gen Osten fliegen, eine unendliche Nacht von fast 18 Stunden. Und ein superkurzer Kalendertag, immerhin sind wir am 18. April ab Mitternacht summa summarum 17 Stunden und 36 Minuten in der Luft, die Uhr in New York aber zeigt bei der Landung in Newark am 18. April nur 5 Stunden 44 Minuten später an. Wo sind die restlichen 11 Stunden und 52 Minuten hin? Zurückgespult? Verloren? Oder gewonnen? Bin ich in der Realität nun jünger, als ich sein sollte?

Flug SQ 22 führt am 18. April nicht über den Nordpol gen USA, sondern eher „hintenrum“, auf der Norpac-Route. Über das Südchinesische Meer, Taiwan, vorbei an Tokio und der Insel Hokkaido, über Petropalowsk-Kamtschatski und Kamtschatka …
… gut drei Stunden nach dem Start nicke ich ein, zwischen Taiwan und der philippinischen Insel Luzon. Auf Höhe der Südspitze von Kamtschatka wache ich wieder auf. Geweckt vom Essens-Duft. 8:28 Stunden Flugzeit sind seit dem Start in Changi Singapore vergangen. Es ist zapfenduster draußen, in der Kabine auch.  Zeit für das laut Menükarte „Midflight Dinner“. Ist aber eher ein Frühstück, wenn man davor fünf Stunden geschlafen hat, oder?
Leichtes Schnarchen mischt sich mit Geschirrklappern. 

Bildschirme flimmern. Essen. Schlafen. Filme ansehen (das für die superlangen Flüge erweiterte Entertainment-Programm umfasst über 1.200 Stunden!) – das sind die drei Disziplinen an Bord. 
Fürs Essen auf Langstrecken-Flügen gilt: leich­te Kost wie Ge­flügel oder Fisch statt schwerem Essen, bei dem zu viel Blut in den Magen strömt. Und Gabel weg von Kohl, Brokkoli, Bohnen und Blumenkohl. Sie lösen wie stark kohlensäurehaltige Getränke Blähungen und Bauchkrämpfe aus, verstärkt durch den geringeren Luftdruck in der Kabine. 

Dabei bietet Singapore Airlines auf den Superlangstreckenflügen in Zusammenarbeit mit der US-Wellness-Marke Canyon Ranch bekömmliche, leich­te Gerichte wie Fenchel-Pfirsich-Salat oder Seebarsch-Filet mit Gemüse sowie gesunde Mixgetränke wie Grüntee mit Ingwer und Minze an. 
 
Was sagt die innere Uhr? Ist es Morgen oder Abend? Keine Ahnung. Ich folge der Empfehlung von Chief Steward Alex Koh, entscheide mich zum "Midflight Dinner" für Sate, Tiger Beer und ordere einige Wasserflaschen auf Vorrat.

Fürs Wohlbefinden versuche ich, weiterhin pro Flugstunde einen halben Liter Wasser zu trinken. Das erfordert nach den fünf Stunden Schlaf eine Art Druckbetankung mit 2,5 Litern. Was Thrombosen verhindert? Man rennt ständig zur Bordtoilette und steht dort recht lang an. Es scheint noch einige andere eifrige Wassertrinker zu geben. 

Nach elf Stunden fliegen wir über die Beringstraße und St. Lawrence Island. Nun herrscht für knapp zwei Stunden Tageslicht. Unter uns funkeln Schnee- und Eisflächen. Weiter geht es quer über Alaska und Kanada, an der Hudson Bay vorbei geradewegs nach New York, wo der längste Linienflug der Welt enden wird. Wir landen um 5.39 Uhr auf dem Newark Liberty Airport, nach exakt 17 Stunden und 41 Minuten Flugzeit. 

SQ 25 | New York JFK–Frankfurt
6.188 Kilometer. 6:40 Stunden

Kaum der Rede wert, dieser kurze Sprung über den Atlantik. Hat man das Abendessen verputzt und zwei Gläser Bordeaux genossen, ist der Flug schon fast halb vorüber. Zeit, zu schlafen.  Mein Flug um die Welt ist nach nach 33.382 Kilometern und 35 Stunden 58 Minuten in der Luft zu Ende. 

Up Helly Aa:
Schottland irre

Shetland ist eine kleine Insel-gruppe weit nördlich des schottischen Festlands. Einmal im Jahr treiben es die Shetlander beim Up Helly Aa in Lerwick so wild, dass die Funken fliegen. Ich war dabei bei der komplett verrückten wikinger-sauße


Kein Ordnungsamt würde heutzutage die Durchführung solch eines Events genehmigen: Eine Prozession von 1.000 Fackelträgern, die Stunden lang fröhlich brüllend durch die Stadt ziehen. Sie tragen riesige Paraffinfackeln vor sich her, während die Straßenbeleuchtung ausgeschaltet ist.  Ein gut zwei Kilometer langer Zug, gefolgt von Musikkapellen und Schwadronen Kostümierter. Dann versammeln sich alle Fackelträger auf einem rund 150 mal 50 Meter großen Park inmitten der Stadt, um dort ein großes Wikingerschiff aus lackiertem Vollholz in Flammen aufgehen zu lassen. Up Helly Aa, Europas größtes Feuer-Festival, findet immer am letzten Dienstag im Januar statt. Die Anfänge gehen zurück auf das Jahr 1840: „Damals begannen Horden ausgelassener und betrunkener junger Kerle, brennende Teerfässer durch die engen Gassen von Lerwick rollen zu lassen, begleitet von Schlägereien und Randale“, erzählt Brydon Wright, ein besonders wild gestyltes Mitglied des sogenannten Guizer Jarl’s Squad.  „Das war brandgefährlich, also wurde das ganze 1870 abgeschafft. Damals taten sich ein paar Jungs aus dem Ort zusammen, machten aus dem Chaos einen geordneten Umzug und verpassten ihm den Namen Up Helly Aa. Keine Ahnung, woher der kommt“. 

Das Wetter gibt sein Bestes, das Up Helly Aa zur Härteprüfung für Teilnehmer und Zuschauer zu machen. Stundenlang prasselt der Regen, anfangs nur senkrecht, später eher waagrecht: ein Sturm tobt über die Insel.  Den Zaungästen fliegen nicht nur die fetten  Regentropfen ins Gesicht, sondern auch ein Meer von Funken und brennenden Paraffinstücken, die der Wind von den Fackeln reißt – eine Art Höllenfeuer mit fließend Wasser.
 

Frieren, singen, brüllen

Dabei begann der Tag recht harmlos. Nieselregen fiel, als das kunstvolle Wikingerschiff "Falcon", das Lerwicks brave Mannen über ein Jahr lang – und unter strenger Geheimhaltung – im sogenannten Galley Shed gebaut haben, bei einer Prozession durch die Stadt gezogen wurde. Menschenmassen säumten die Straßen, während der Anführer der Meute, Lyall Gair, der diesjährige „Guizer Jarl“, seine hinter Rüstung, Helm und Fellen versteckte Wikingerhorde anpeitschte. Lyall ist ein Wandschrank von Mann mit Monsterbart, gewaltiger Mähne und pompösen Adlerflügel-Helm. Heute ist der größte Tag im Leben des Shetlanders, der 13 Jahren im Festkomitee zum Up Helly Aa aktiv war und ein Dutzend Wikingerschiffe mitgebaut hat, bis endlich er der Star sein konnte.

„Wichtiger als die Hochzeit ist der Auftritt als Guizer Jarl im Leben eines Shetlanders“, raunt er mir abends um zehn nach dem Umzug zu, als er in der Umkleide der Sound Primary School kurz Luft holt und ein Glas Cider auf Ex trinkt. „Heiraten kannst du immer wieder, aber das hier, das machst du nur einmal im Leben!“ Noch schnell ein paar Selfies mit weiblichen Fans, dann geht es weiter. 

Sturm! Regen! Feuer! Wahnsinn!

Die Hose klebt am Bein. In den Boots quietscht das Wasser. Zwei Stunden stehen wir uns King George V Play Ground, einem grünen Geviert umstanden von alten Häusern und einer Kirche, die Füße platt. Was für eine Kälte! Wie viel Regen!  Endlich marschiert der Umzug mit den Fackelträgern, Brass Bands und Tausenden Verkleideten heran.
Brav stapft der lange Festzug mit Kampfgeschrei hinter dem Wikingerschiff her, das kurz nach 20 Uhr in einem infernalischen Spektakel in Flammen aufgeht. Andächtig starren die Menschen noch ein Weilchen auf das martialische Schauspiel, ein beeindruckendes Funken- und Flammenmeer.

Feiern bis zum Umfallen

Nach 15 Minuten gibt es kein Halten mehr. Nun fliegen die Regenjacken, Ponchos und zerfetzten Regenschirme in den Kofferraum oder die Garage von Freunden, dafür werden Highheels und superkurze Röcke respektive das, was die Herren der shetländischen Schöpfung für schickes Outfit halten, angelegt.  Und alle (Geladenen) strömen zur Party im Gebäude der British Legion und zu den anderen Partyspots. Der Rest der Nacht? Suff, Tanz, Flirten, Fummeln, Singen und fröhliches Brüllen bis in den frühen Morgen. Da fehlen dem Beobachter glatt die Worte und die Notizen brechen ab... 

Inselhüpfen: Yell und Unst

Lerwick ist am Mittwoch nach Up Helly Aa tot, ausgestorben, eine einzige Partyleiche. Zeit also für Inselhopping der kalt-stürmischen Art. Die Fähre bringt uns zur Insel Yell, ein von dickem, saftigen Torfmoor bedeckter Buckel im Atlantik mit 1.000 Bewohnern. Wenige Siedlungen, bescheidene, schmutzig-graue Häuser, die sich vor den Stürmen wegzuducken scheinen.
Zweite Fährfahrt, rüber nach Unst. Kurze Überfahrt, gewaltiger Wellengang. Diese Insel ist noch kleiner, hat knapp 600 Bewohner, ein weltberühmtes Buswartehäuschen (Bobby’s Bus Shelter) und eine Menge Rekorde aufzuweisen, unter anderem Großbritanniens nördlichste Destillerie (Reel), die nördlichste Brauerei (Valhalla Brewery), die nördlichste Kirche und das nördlichste Wohnhaus. Und den wohl verfänglichsten Namen einer Leuchtturminsel: Muckle Flugga, was sich im rauen, schnellen Shetlandish sehr nach Motherfucker anhört.